Portugal

Schon wieder ein Land, über das wir ganz wenig wissen. Keiner von uns war bisher hier. Aber wir haben ganz viel tolles über das Land gehört, es war das Traumland unserer ehemaligen Vermieter-Familie von daher waren unsere Erwartungen hoch. Das erste, was uns auffiel, war die Sprache. Hört sich in meinen Augen ein wenig wie niederländisch mit ganz vielen sch-Lauten an. Herzlich ist es hier und der eine Teil der Landschaft blüht mit dem Schwarz und grau der von Trockenheit und Waldbränden betroffenen Gebiete um die Wette. 

Stop#30   28.08.2022 Porto


Ich habe in den letzten mittlerweile 3 Ländern echt schon alles gesehen: Wasserfälle, Bergseen, reißende Flüsse, malerische Sonnenunter- und Sonnenaufgänge, Geier, Wildtiere und tropische Strande. Europa hat alles zu bieten und wir sind mit Portugal gerade erst in das dritte Land gefahren. Ich wusste, dass das Gute oft vor unseren Augen liegt und Europa hat mich darin bestätigt, dass meine Entscheidung, die Welt ohne Fliegen zu entdecken, funktionieren kann.
Was ich an dieser Reise besonders mag ist auch das, was ich am Leben generell mag. Ich schaue mir an, was hält es für mich bereit, ich orientiere mich. Dann lege ich mich zurück, warte ab und entscheide, was gefällt mir davon? Dann gehe ich los und lasse mich überraschen. Das ist Frieden für mich. Für den Tag leben. Gestern und morgen sind nur in meinem Kopf real. Sie bringen mir Freude, wenn ich plane und mich erinnere. Aber wenn ich zu viel darüber nachdenke, werden sie schnell zu Gespenstern.
Wie bereits erwähnt sind wir jetzt in Portugal. Spanien war nach einer kurzen Eingewöhnung sehr schön. Liebevoll würde ich sagen, Spanien ist ein einziger großer Felsen mit viel Abwechslung. Jetzt sind wir in Portugal. Fazit nach einem Tag: ich weiß gar nichts über dieses Land. Aber ich habe gute Laune und hier wachsen Olivenbäume am Straßenrand und ich habe schon ganz viele Weintrauben gepflückt und gegessen. Die sind reif, wachsen hier wie Brombeeren am Wegesrand und sind der Wahnsinn. Das sind gute Vorraussetzungen. Ach ja und hier ist ne Zeitverschiebung. 1 Stunde nach hinten. Das alleine finde ich schon crazy und der Blog kommt daher auch bei euch um 19:00. Gerade sind wir in Porto gelandet und schauen uns hier mal ein bisschen um.
Liebe Grüße.

Stop#31   31.08.2022 Porto#2

Ich bin am Sonntag einfach an einer Mautstation vorbeigerast ohne zu bezahlen. Ich war einfach nicht aufmerksam und auch Jennys Hinweis kam zu spät. Upsi, jetzt habe ich 15 Tage Zeit, um die Maut an einer Poststation nachzuzahlen, finde ich fair. 

Das war auf dem Weg nach Porto der zweitgrößten Stadt Portugals. Porto ist eine coole Stadt aber auch sehr anstrengend, weil sie am Hang liegt. Der mächtige Douro trennt Porto von Villa Nova de Gaia, wo unser Auto stand. 1 Stunde Fußweg mit auf und ab bis wir im Zentrum waren, hier halfen uns auch unsere Skateboards nicht. Aber es lohnte sich, die schöne Fliesenkunst der Stadt, leckeres veganes Essen und eine faszinierende Bücherei, die schon als Inspiration für Filme und Bücher gedient haben soll, waren unser Lohn. Dazu kam das malerische Panorama auf dem Weg. Die Stadt hat einiges zu bieten von historischen Ecken, die sich die Natur zurückerobert hat, bis hin zu schicki-micki Bars in Olivenbaum-Hainen. Die Fliesenkunst zieht sich durch das Stadtbild von kleinen Privathäusern bis zu großen Kirchen und dem Bahnhof. 

Ansonsten beschäftigt mich folgendes: Eine Gesellschaft, die auf Regeln basiert, hat den Nachteil, dass sie sehr steif ist und einzelne Personen benachteiligt. Eine Gesellschaft, die sich aus selbständig-ethisch handelnden Personen zusammensetzt, hingegen kann besser auf die Bedürfnisse von Individuen und damit aller besser. Mit viel Arbeit, Kommunikation und Einfühlungsvermögen kann so Diskriminierung verhindert werden. Diese These lässt sich so mehr oder weniger mit Mahatma Gandhi belegen. Mich beschäftigt heute die Frage, gilt das auch für die einzelne Person in Bezug auf die Beziehung zu sich selbst? Klar bin ich produktiv, wenn ich mir Regeln setzt, 6 Uhr Wecker, Sport, Arbeit, Essen, Freizeit, früh schlafen als Beispiel. Aber ist eine sich-selbst-liebende Einstellung nicht nachhaltiger? Eine Arbeitsmoral wie ich sie eben beschrieben habe, konnte ich noch nie langfristig durchsetzen, obwohl ich kurzfristig durchaus gefallen an ihr gefunden habe. Am Ende siegt immer die Liebe zu meiner Freiheit, das zu tun, was ich möchte. Das bedeutet keineswegs, dass ich nichts produktives mehr mache. Es ist eher die Umkehrung des alten Satzes "erst die Arbeit dann das Vergnügen" in ein "mach erstmal, was die Freude macht und nehme diese Energie dann mit in die Arbeit". So diskriminiere ich meine Bedürfnisse nicht. Langfristig kann ich mir sogar vorstellen, dass sich eine solche Einstellung sogar so zusammenschrumpft, dass eine ähnliche Situation entsteht wie ich sie als regelgetriebene Arbeitsmoral beschrieben habt, weil ich Dinge gefunden habe, die ich so sehr liebe, dass ich sie so verfolge, als hätte ich mir Regeln gesetzt.

Stop #32   04.09.2022 Buçaco

Der Buçaco-Park ist eine unwirkliche Gegend. Wir sind hier hingelangt, nachdem wir  von Aveiro aus circa eine Stunde ins Inland gefahren sind. Wir konnten der Landschaft dabei zusehen, wie sie trockener wurde. Auf einmal ging es steil bergauf, teilweise hatte die Straße 14,1% Steigung! Da fühlt man sich schonmal, als würde man gleich abheben oder der Popo des Autos aufsetzen. Auf circa 500 Höhenmetern fanden wir den Eingang des Parks. Die 6€ Eintritt haben wir gerne gezahlt, weil sie in die Pflege des Waldes und des Anwesens fließen. Wir hätten sie auch umgehen können, nach 19 Uhr sind die Pförtnerhäuschen wohl unbesetzt. Das liegt allem Anschein nach an der Personallage des Parks, an vielem Stellen lässt sich erkennen, dass diese Landschaft mit mehr Geld viel aus sich machen ließe. Die prachtvollen Bauwerke stammen zum Teil aus dem 17. Jahrhundert. Zu dieser Zeit wurde hier auch ein Kreuzweg angelegt, der in seiner Länge dem des Originals in Jerusalem entspricht. Auch aus der Zeit um der 3. französischen Invasion nach Portugal gibt e hier Relikte zum Beispiel alte Gewehre und Säbel, die in dem ehemaligen Kloster ausgestellt werden. Doch neben dem Christentum wurde hier schon immer etwas anderes verehrt: das Wasser. Es gibt eine Route, die alle Quellen des Parks - und das sind einige - miteinander verbindet, Trilho da Água. Dem Wasser wurden hier imposante Bauten gewidmet: Teiche, Seen, Wassertreppen und Schreine. Die Verehrung ist wohl in der beschriebenen Trockenheit der Region begründet, der Berg versorgte die Menschen mit dem lebensnotwendigen Nass und diese bauten dem Wasser zu Ehren die Bauwerke.
Wir nahmen keine der beiden beschrieben Routen, sondern wendeten uns einer neueren Tour zu, die sich vor allem an der faszinierenden Fauna des Parks orientiert. Die Fauna geht auf einen ehemaligen Parkvorsteher zurück - oder so ähnlich, ganz schön schwer alles aus dem portugiesischen und Englischen zu ziehen, also alles ohne Gewähr 😉 - der anfing hier Pflanzen aus aller Welt eine Heimat zu geben. Hier wachsen mexikanische Zypressen, europäische Buchen, Eukalyptusbäume und gigantische Farne neben meinem ewigen Traum: dem Redwood. Ich wollte schon immer einen dieser schönen Giganten sehen und berühren und jetzt hatte ich endlich die Gelegenheit dazu. Das hat mich tief berührt. 
Wir verliefen uns auf unserer Tour und kreuzten die anderen beiden beschriebenen mehrere Male. Das war allerdings gar nicht schlimm, denn so haben wir spannende verlassene Orte entdeckt. Hier gibt es verlassene Gebäude, die früher eine praktische Funktion hatten oder als Wohngebäude dienten und heute fast zerfallen sind. Wie ich sagte, hier wäre mit mehr Geld vieles möglich. Doch es ist gut so, dass dieser Ort ein ziemlicher Geheimtipp ist und wenig besucht, das macht seinen Charme aus. 
Noch ein Wort zum Elefanten im Raum bzw. im Park, dem Palast-Hotel. Was eine dreiste Bude. Wir standen mit unserem Auto in seinem Schatten und könnten vom Bett aus die Engelsstatuen und verzierten Wasserspeier und Säulen bewundern. Später fiel mir auf, dass dort tatsächlich ein laufender Hotelbetrieb beheimatet ist! Durch meine Gespräche mit Wanderer*innen erfuhr ich, dass diese 250€ pro Nacht zahlten. Nochmal, was ne dreiste Bude 😅
Auf jeden Fall einer der schönsten Orte des Trips bisher. Er strahlt eine wahnsinnige Ruhe und Ursprünglichkeit aus. Das färbt richtig auf uns ab.

Stop#33   07.09.2022 Peniche

Die Natur hat einen Zauber. Er wirkt nicht bei jedem Menschen gleich oder messbar, sonst wäre es ja auch eine Naturwissenschaft. Doch er ist nicht weniger real oder weg zu diskutieren. Das Meer oder der Mond, die Sterne oder ein Wald, jeder Mensch hat in seinem Leben schonmal in die Natur geschaut und es erlebt. Es löst unterschiedliche Dinge aus. Was es auslöst, kann sich von Mal zu Mal oder im Laufe eines Lebens ändern. Aber da ist dieses "irgendwas ist da". Könnte das Magie sein? Hat das die Menschen dazu veranlasst sich Fabelwesen auszudenken. Es gibt viele Geschichten, Sagen, Fabeln und Märchen, in denen der Natur ein Wesen zugesprochen wird, das einem Lebewesen ähnelt. Dort ist sie ein Gott oder ein Geist oder eine alte Frau, sie hat viele Gesichter, machen Menschen ist sie heilig. Fest steht: mir macht sie unglaublich viel Freude und Spaß.
Und um in der Natur zu bleiben, sind wir auf dem Weg von Buçaco nach Lissabon erstmal direkt zurück ans Meer, um dann über Figueira da Foz und Peniche immer an der Küste entlang zu fahren. Hier haben wir atemberaubende Strände und Klippen gefunden. Die Wellen hier sind weltberühmt und ziehen das ganze Jahr über Surfer hierhin. Auch wenn man nicht surft, ist die Landschaft ein sehenswerter Ort und lädt zum Staunen und Verweilen ein. Es mag für den*die eine*n oder andere*n verwunderlich klingen aber wir überlegen momentan die Hauptstadt Portugals mit seinen Sehenswürdigkeiten einfach links liegen zu lassen.
Das liegt daran, dass die Hochsaison ihren Tribut zollt. Für viele Menschen ist es die hochverdiente Pause im Sommer. Es geht in die Wärme, es geht an den Strand, Städte besichtigen, Kultur und gutes Essen. Die Sorgen bleiben zu Hause. Da fällt es nicht so sehr ins Gewicht, wenn die Orte überfüllt sind. Das ist jetzt seit Biarritz in Frankreich so. Für Jenny und mich bedeutet es seit mehreren Wochen, Lautstärke, Menschenmassen auf den Parkplätzen, in den Sanitäranlagen und in den Restaurants und das von morgens bis abends. Es freut uns natürlich, dass der Sommer abgesehen von Waldbränden und einigen Corona-Masken ohne größere Schwierigkeiten verlaufen ist uns für die Menschen Abwechslung, Wohlstand  und Freude bedeutet. Aber es schlaucht irgendwann ungemein, da bleibt kaum Zeit für Ruhe oder Momente mit Privatsphäre.
Die beschaulichen Orte in der Natur reizen uns daher momentan umso mehr und unser Vorteil ist ja ohnehin, dass wir den langen Atem haben und die nächsten Monate auch noch unterwegs sein werden. Dann wenn es für die meisten Menschen zurück in die Normalität geht und die Touristenhochburgen und die Küste wieder leerer wird. Wir sehnen uns schon wieder nach den leeren Stränden und Wäldern und der Ruhe, die wir am Anfang unserer Reise in Frankreich genießen konnten. Heute haben wir die Europakarte gewälzt und unsere grobe Reiseroute abgesteckt. Wir bleiben unserem Motto treu, es geht entlang der Küste. Aber wird uns das Heimweh dazu bringen, einen Zwischenstopp in Deutschland einzulegen? Wie gehen wir mit den ganzen Inseln im Mittelmeer und in Atlantik um, die in Zukunft auf uns warten? Die Namen sind vielversprechend und verlockend und sie reichen von Fuerteventura über Menorca bis nach Kreta. Wie wird uns unser Workaway gefallen, das in 2 Wochen beginnt? Falls das gut ist, wollen wir weitere solcher Erfahrungen machen. Es bleibt spannend und für uns geht das Abenteuer unseres Leben weiter.

 Stop#34   11.09.2022 Cascais

Die Landschaft hier kurz vor Lissabon ist der Wahnsinn. Wir befinden uns zwischen Peniche und Cascais. Die Farben sehen so unwirklich aus. Von einem Sandgelb über ein Rot, das die Landschaft verrostet wirken lässt, bis zu diesem atemberaubenden Blau des Meeres, was in einem langen weißen Schaum endet, wenn die Wellen an die Küste schlagen. Es hat ein wenig den Anschein, als träfe das Meer hier auf eine Wüste, so trocken ist es hier momentan. Und die Wellen sind echt spektakulär. Sie verursachen meterhohe Fontänen und das Grollen, wenn sie in die Steinhöhlen krachen, erinnert an ein Gewitter. Das flößt eine Menge Respekt ein. Da gewöhnt man sich allerdings dran, wenn ich mir die Fischer so anschaue, die davon unbeeindruckt zu jeder Tages- und Nachtzeit ihre Angel zwischen den Wassersäulen auswerfen.
Außerdem hatten wir wieder Glück und haben zwei tolle Menschen kennengelernt, @felix_wilden und Audrey. Mit den beiden haben wir zwei Abende lang gequatscht, gespielt und gelacht. Wir haben ein portugiesisches Spiel, das Azul heißt. Dort muss man ein Muster aus Fliesen legen. Es war cool, das Mal in Portugal zu spielen, die Fliesen war eines der Dinge, die uns inspirierten, hierhin zu fahren. Eine Regel des Spiels besagt, der*diejenige beginnt, der*die als letztes in Portugal war. Bisher mussten wir immer improvisieren, jetzt können wir es richtig spielen. Das war sehr lustig.😁 Ich habe noch nicht rausgefunden, was Azul heißt, ich glaube, eine Mischung aus "blau" und "Fliesen". Während des Spiels kam ein Mann mit Stirnlampe und sprach uns auf portugiesisch an. Mit einem online-Übersetzer fanden wir heraus, dass er mit seinem Auto im Sand stecken geblieben ist. Warum er da lang wollte, blieb uns ein Rätsel, vielleicht ein Fischer. Mit vereinten Kräften und Bambusstangen unter den Rädern hieften wir den Wagen aus dem Sand, die halben Räder waren bereits eingegraben gewesen. Danach herrschte eine tolle Stimmung der Erleichterung und alle lachten. Was für tolle Tage.

Stop#35   14.09.2022 Sintra

Wir haben mal wieder eines der UNESCO-Welterben bestaunen dürfen. Es gibt Weltkulturerben und Weltnaturerben, wobei es mehr Kulturerben als Naturerben gibt, was ich ja bedauerlich finde, aber nunja, ich schweife ab. Nach den Altstädten von Bordeaux und Porto, den Nationalparks Picos de Europa und Pyrenäen, den Höhlenmalereien und und und - die Dinger gibt es echt überall und manche sind wahnsinnig beeindruckend, andere weniger - waren wir in Sintra. Erstmal haben wir dort fantastisch gegessen und uns dann von den Angestellten des Restaurants beraten lassen. Sie versuchten uns an den Touristenströmen vorbeizulotsen und empfahlen uns die Quinta de Regaleira. Das ist eigentlich fast das schönste am Reisen, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Es sind Begegnungen, die manchmal nur ein paar Sätze dauern, manchmal werden daraus ein paar Minuten oder ein paar Abende gemeinsam. Es geht um ein nette Gesten, nette Worte und vielleicht kann man sich helfen und ein Lächeln auf das Gesicht zaubern. 
Sintra hat auf jeden Fall einiges zu bieten, den Palast und die Burg sahen wir aber nur von weitem. Danach ging es nach Cascais, wo uns allerdings eine dicke Nebelsuppe erwartete. Außer dem Leuchtturm auf dem Foto und einem Irrweg, der in einem Privatgarten endete, hielt diese Stadt also nichts für uns bereit. Auch die Nacht dort war zum Vergessen. Um 1:30 weckte uns ein völlig zugedröhntes Individuum - anders kann ich mir ein solches Verhalten nicht erklären - mit lauten Elektro-Sounds aus seinen Autoboxen. Nach 10 Minuten verschwand er oder sie wieder. Doch der Schaden war angerichtet. Wir waren nicht die einzigen, die dort schliefen und völlig verstört liefen Hunde und Menschen schlaftrunken zwischen den Fahrzeugen umher, bis sie wieder schlafen konnten. Doch das war nicht so leicht, anscheinend haben manche Leute das Hobby ihre lauten Motorräder nachts spazieren zu fahren. Es ist nicht alles romantisch am Reiseleben. Doch es gibt immer zwei Seiten. So kamen wir mit Carlos ins Gespräch. Er wohnt im Auto und hat früher auf der Straße gelebt. Er erzählte und, dass das auf diesem Parkplatz Standard sei und sobald er seinen Lohn erhält, würde er den Ort verlassen. Er bot uns seine Hilfe an, in welcher Notlage wir auch stecken mögen. Und das war nicht einmal die letzte Begegnung, die wir in den letzten Tagen hatten. Wir hielten am Straßenrand, um eine kleine Gehpause einzulegen. Vor uns stand ein Fahrzeug mit duisburger Kennzeichen, da konnte ich als ehemaliger Mülheimer nicht anders als Hallo sagen. Doch der Zufall war noch größer, hier in der Pampa bei einem Zwischenstopp trafen wir tatsächlich auf jemanden, die auf die selbst Schule - das Gymnasium Herzogenrath - wie ich gib, lediglich ein paar Jahrgänge über mir und im selben Ort wie ich aufgewachsen war. Klein ist die Welt, man muss nur rausgehen und sie bestaunen.  

Stop#36   19.09.2022 Porto Covo

Steht unsere Reise etwa auf der Kippe? Nach starken fast sturmartigen Regenfällen in den letzten Tagen gingen beim Appah die Lichter aus. Irgendwie gab es stets das Problem, dass der Wagen bei Nässe seine eigene Elektrik nicht im Griff hatte. Dieses Mal war die Batterie so leer, dass sie selbst mit einem externen Batterieladegerät eines freundlichen Nachbarn nicht ansprang. Die letzte Amtshandlung des Wagens, bevor er die komplette Elektrik abschaltete, war, alle Fenster runterzufahren. Ein Shutdown. Lediglich zwei Türen ließen sich noch öffnen. Ein denkbar unpassender Zeitpunkt bei diesem Regen. Ich warf unsere Zeltplane über die Karosserie, um uns vor dem Regen zu schützen, der in den folgenden Nächten dankenswerterweise ausblieb. Das Auto mit der Zeltplane war ein denkwürdiger Anblick und wird mir im Gedächtnis bleiben. Hinzu kam erschwerend, dass Jenny komplett flach lag. Sie hatte Magenkrämpfe. 

Am nächsten Tag brachten wir den Wagen mit vereinten Kräften, die sich aus einem Campingplatz-Mitarbeiter mitsamt Fahrzeug, dem freundlichen Nachbarn und zwei aneinander gehängten Starthilfekabeln zusammensetzen, wieder zum Laufen. Die zwei Starthilfekabel waren nötig, weil sich nicht einmal die elektronische Handbremse lösen ließ. 

Trotzdem dass der Wagen wieder lief, gab es am nächsten Tag das böse Erwachen: Ein weiteres Mal reichte der Strom nicht, um den Motor zu starten. Dieses Mal riefen wir den Pannendienst.

Jenny hat sich bemerkenswerterweise trotz der ganzen Aufregung schnell erholt. Dafür bin ich dankbar, weil ein krankes Auto und eine kranke Weggefährtin ist keine leicht zu händelnde Situation. 

Ich schätze eine solche Situation findet sich in den meisten Reiseberichten. Krankheiten, Pannen und Notfälle gehören dazu. Schwierig zu händeln sind diese Situationen dennoch und man würde sie lieber vermeiden. Sofern es möglich ist, werden wir alles dafür tun, dass wir weiter kommen. Von so etwas wollen wir uns die Erfahrung nicht nehmen lassen.

Außerdem hat das Ganze auch wieder eine schöne Seite.  Uns wurde, wie erwähnt, von netten Nachbar*innen geholfen. Silke, Menno, Ulrike und Ulli waren sehr hilfsbereit von Starthilfekabel und mobiler Starthilfebatterie über gebratene Paprika bis hin zu einem netten Abend mit Wein und Gesprächen war alles dabei. Wir lachten und die Gespräche gingen vom Hölzchen über das Stöckchen. Ich werde wirklich jedes Mal wieder in meiner Sicht auf die Welt bestätigt, sie ist voll mit netten und hilfsbereiten Menschen. Man muss nur raus gehen und es selbst erleben. Jenny meinte die Tage, man hört ja im Vorfeld auf so einer Reise, dass es viele schlechte Menschen gibt und dass man misstrauisch sein muss. Das ist Quatsch. Ich habe zu dem Thema, warum die Menschen denken, dass die anderen Menschen böse seien, ein aufschlussreiches Buch von Rutger Bregman, das "im Grund gut" heißt. Das empfehle ich jedem und jeder, der*die fragt. Und jetzt auch ungefragt im Internet, gern geschehen. Das Buch fand ich Tags darauf auch prompt in einem Buchladen, Zufall? 

Und dann am nächsten Morgen sprang der Wagen trotz über Nacht abgeklemmter Batterie nicht an. Ergo Batterie kaputt. Gerade wollten wir losfahren, um eine neue zu besorgen, da drehte ich den Schraubenschlüssel noch einmal gedankenverloren und befestigte die Klemme fester an der Batterie. Und der Wagen sprang an. Sollte das der Grund für die Strapazen der letzten Monate gewesen sein? Ein zu loser Kontakt an der Batterie, der bei Nässe und Feuchtigkeit im Fahrzeugraum nicht funktionierte? Ich hoffe es. In die Werkstatt werden wir dennoch fahren. Erstmal sind wir wieder on Tour. Zwei absolute Highlights stehen an, auf die wir uns seit Anbeginn der Reise freuen, Tamera und unser erstes workaway. Auf in die Berge.

Stop#37   21.09.2022 Marmelete

So, das erste Mal an einem Ort für längere Zeit seit 4 Monaten, erstmal schauen, wo sind wir hier gelandet? Mitten im nirgendwo. Das nächste Örtchen heißt Marmelete, die nachstgrößeren Städte sind Monchique und Aljezur, beide circa 20 Minuten mit dem Auto entfernt. Hier ist es herrlich. Das liegt vor allem an der Ruhe. Mitten in den Bergen gelegen ist das Grundstück nur über eine dirt-road zu erreichen, die von einer Straße abführt, welche den Namen Straße nur halbwegs verdient - zumindest aus einem deutschen Verständnis, die Portugies*innen sehen das etwas anders. Am dem Weg nach hier sind wir jedenfalls regelmäßig Kratern ausgewichen und mit der Frontschürze aufgesetzt.
Aber was brachte uns nach hier? Der Ruf eines Permakultur-Grundstücks. Permakultur kommt von permanent agriculture. Das Konzept geht auf zwei Männer aus Australien zurück und begründete sich in den 70-er Jahren. 
Hier wird versucht, das Ganze Jahr über essbare Pflanzen anzubauen, natürliche Lebensräume für Tiere und Pflanzen zu schaffen und so ein nachhaltiges Miteinander zu formen. Dabei setzt man auf mehrjährige und einjährige Pflanzen im Zusammenspiel und versucht Synergien zu nutzen. Beispielweise steht eine Tomate neben einem Basilikum und diese Kombination schützt  eine Hecke vor Wind.
Ildi, so heißt unsere Gastgeberin, lebt hier mir ihrer Tochter Abbey. Ihr Anspruch ist es möglichst autark zu sein. Das gesamte Wasser kommt vom Grundstück, die gesamte Energie - abgesehen vom Gas zum Kochen - wird hier erzeugt und ein Großteil des Lebensmittel hier angebaut. Anschlüsse an Versorgungsnetze, Strom, Wasser, Abwasser gibt es nicht. Das ist schon ziemlich beeindruckend. 
Als wir ankamen, begrüßte uns Mokka der Wachhund bereits von Weitem. Sie hatte Ildi im Schlepptau, deren offenes und herzliches Wesen direkt in den ersten Sekunden sichtbar wurde. Mokka hingegen ist ein munteres Wesen, jung verschmust und sehr schüchtern. Die Schüchternheit versuchte sie mit anfänglicher Aufruhr zu überdecken, wir sind aber jetzt Freunde.
Auf dem Gelände herrscht ein liebevolles Chaos, was aber gar nicht negativ gemeint ist. Das Gelände ist riesig und man erkennt schnell, das ist keine Unordnung, das sind einfach sehr viele Projekte für zu wenig Zeit. Unsere Hilfe kommt hier sehr gelegen. Zum Teil gehört das was andere Chaos nennen, aber auch zur Permakultur. Es ahmt halt die Natur nach, dort ist auch nicht alles akkurat in Reih und Glied, sondern harmoniert auf magische Weise miteinander.
Jenny und ich wohnen in einem komplett ausgebauten Van mit Photovoltaik, Ofen, Bett und Schränken.
Das Grundstück liegt am Hang und ist in Terassen angelegt. Auf der obersten Terasse steht ein uriges Holzhaus, in dem Ildi und Abbey momentan wohnen. Auf halben Weg den Berg hoch steht eine alte Ruine, die momentan renoviert wird, dort zieht Ildi dann ein und Abbey zieht es an die Küste. Der Ausblick von der Terrasse des Holzhauses in die Berge und über das Grundstück ist atemberaubend schön. Überall wächst Essbares: Kräuter, Bäume, Pflanzen, Obst und Gemüse. 
Jenny und ich werden uns um die Beete kümmern, ernten, pflanzen, wässern, Unkraut jäten und auch Holz hacken. Für 4-5 Stunden am Tag an 5 Tagen die Woche bekommen wir hier Unterkunft und feinstes Essen. 
Nach Monaten des Straßenlärms, Touristenströme und dem on- Tour sein genießen wir die Ruhe, die Routine, das frische Essen und die Gesellschaft.  Wir fühlen uns hier sehr wohl und im kommenden Monat werden wir ganz viel lernen dürfen, uns ausprobieren und eine wahnsinnig schöne Zeit haben. Wir freuen uns drauf.

Stop#33   25.09.2022 Marmelete#2

Kann ich mir - oder besser gesagt, können wir uns - ein solches Leben vorstellen? Was gefällt uns besonders und fehlt uns das Herumreisen im Auto bereits?

Um erstmal einzusteigen, ein solches Leben können wir uns tatsächlich für uns vorstellen - aber noch lange nicht. Unser Reisefieber lodert nach wie vor und wird durch die Pause und die Abwechslung hier erneut angefacht. 

Es gefällt uns, morgens im Wald und in den Bergen aufzuwachen. Wir hören den Bach, der nah am Van vorbeifließt. Mit den Händen etwas zu schaffen, zu erschaffen, das fasziniert uns. Wir sehen unseren Fortschritt am Ende des Tages. Das fühlt sich gut an und ist anders als bei den Jobs, die wir bisher ausgeübt haben. Im digitalen, beim Umweltschutz und in der Kindererziehung verliert man schnell den Überblick darüber, was man eigentlich geschafft hat und was noch zu erledigen ist . Außerdem schmeckt das Ergebnis so gut. Das Essen schmeckt frisch, wir ernten es selbst, es riecht fantastisch und zu wissen, wir haben dazu beigetragen, ist ein herrliches Gefühl. Das gesamte Essen, bis auf Reis, Nudeln, Bulgur, Nüsse und so Zeug kommt hier vom Grundstück. Das macht richtig Freude. Natürlich sehen wir auch, dass es mehr braucht als einen Garten und dass hier eine Menge Arbeit drin steckt. Auch hier braucht man eine zusätzliche Einkommensquelle aber man lebt schon sehr unabhängig. Es ist auch nicht so schlimm, den faszinierend ist, dass diese Arbeit mit dem Körper für die Tätigkeiten mit dem Kopf motivieren. Am Nachmittag 2-3 Stunden vor dem Laptop zu sitzen ist keine Last, sondern geht leicht von der Hand. Abends sitzen wir dann mit Ildi und Abbey auf der Terrasse und lassen den Tag ausklingen. Wir sprechen über Gott und die Welt. Das genießen wir auch sehr, eine Art Gemeinschaft zu haben, a place to come home, auch wenn es nur temporär ist. Es darf ruhig noch etwas Zeit vergehen, bevor wir zu neuen Ufern aufbrechen. Dann aber richtig und hochmotiviert. 

Até logo Portugal und ahí estamos de nuevo España

Nachdem wir Portugal gesehen haben, wird uns nichts anderes übrig bleiben, als wieder nach Spanien zu reisen. Das hört sich jetzt drastischer an, als es ist, es ist einfach so, dass die Topographie dies gebietet, wenn man nicht fliegen oder ein Schiff nehmen möchte. Die Nordküste hat uns gut gefallen und wir sind neugierig, was die Südküste Spaniens für uns bereit hält. Auf geht's!

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